| Heimat-
und Verkehrsverein Ediger-Eller a.d. Mosel e.V. -
Kulturausschuss -
In der WeinKulturlandschaft der
Mosel lebten immer Menschen, die sich stark mit
ihrem Winzerberuf, ihrem Dorf und ihrer
Heimatlandschaft verbunden fühlten. An unserem
Fluss, der sicherlich eine der reizvollsten
Landschaften Europas prägt, möchten viele
,,ihr" Leben leben. Gerade junge Menschen
erkennen immer mehr, wie einzigartig und
liebenswert doch die Lebensqualität hier auf dem
Lande ist, trotz vieler und vieler
,,sogenannten" Entbehrungen.
Diese Lebensqualität allen
bewusstt zu machen und sie auch langfristig zu
sichern (!), gelten die Anstrengungen der
nächsten Jahre. Das bewussttsein für die Heimat
hat längst nichts mehr mit romantischer
Träumerei zu tun, sondern mit der notwendi gen
Erkenntnis, dass nur mit einem breiten Engagement
vieler Menschen die Zukunft in unserer
Mosellandschaft aufregend gestaltet werden kann.
Die nachstehende Geschichte,
niedergeschrieben von einer jungen Frau ,,aus der
Stadt", l uns am Beispiel eines ,,Alten
Mannes" erkennen, wie die Menschen hier
über Generationen gelebt, gearbeitet, ja wie sie
gefühlt haben. Spielte diese Geschichte in
Südtirol, würde sich jedes Magazin in
Deutschland um sie reißen.
Uns kann sie aber Mut machen, zu
unseren Heimatgefühlen zu stehen, um daraus die
notwendige Kraft zu schöpfen, den ge waltigen
Herausforderungen der kommenden Zeit engagiert
und gelassen zugleich entgegenzuleben.
Norbert Krötz
Vorsitzender des
Kulturausschusses
Der alte Mann und das
Mädchen
Eine beglückende Begegnung
von Brigitte Fischer - Mund
Die Nagelschuhe, die mir
vorausgehen, sind abgenutzt, gebraucht,
geschunden und gewöhnt, schwierigste
Gegebenheiten zu besteigen.
Rechts neben mir wächst in
Schulterhöhe der Berg; links, neben dem wenige
Zentimeter breiten Pfad, ein abfallender,
schwindelerregender Abgrund, der mir dennoch ein
erhabenes, zufriedenes Gefühl gibt. Der
erhaschte Blick nach unten muss schnell wieder
auf den schmalen Steg gerichtet werden, denn
dieser ist wechselnd, kurvenreich, holprig und
wird stellenweise sehr schmal.
Abrupt dreht sich alles, denn in
Gegenrichtung steigen die Bergschuhe meines
Vorgängers, und in Sekunden richtet sich mein
Blick rechts hinunter in die Welt.
Die Welt, in der ich die Greifvögel
von unten mit viel Glück bewundern konnte. Welch
eine Freude, sie in ihrer mir unbekannten
Schönheit von oben beobachten zu können. Die
uns entgegenspringenden Felsen, aus denen in
jeder Spalte ein Gewächs vorsichtig, doch wie
selbstverständlich, uns vorwitzig entgegen
sprießt; die Eidechsen, die, von uns gestört,
hastig ihren warmen Sonnenplatz verlassen, geben
mir ein Gefühl des Außergewöhnlichen, fast
Exotischen.
Mein Vorgänger steigt in
gleichmäßigen Schritten und stetem Tempo. Mein
Puls ist erhöht. Die Muskeln in den Beinen sind
angespannt. über mir - unter mir - was ist
reizvoller? Den Gipfel ersteigen, übervoll von
erreichter Höhe, übervoll vom extrem
abfallendem Berg.
Wieder nur solch rasche Gedanken.
über mir steht der Mann, von dem ich
die Schuhe sah, zu den Bergen passende Schuhe, er
steht über mir im wahrsten Sinne und das auf dem
schmalen, sich nach kurzen Strecken immer wieder
wendenden Pfad. Er ist gleichsam erwachsen
geworden in diesen Schuhen.
Nun schaut er, seitlich gedreht, in
sein Land hinunter und sicher mit
anderen Gedanken und Gefühlen als ich. In diesem
weit unten liegenden Land ereignete sich alles,
was diesen Mann ausmacht: Die Berge umschließen
seine Heimat, seine Kindheit, Vater und Mutter.
Freude, Enttäuschungen stiegen und fielen wie
seine Berge und wie dieser, mir schwer werdende,
Pfad.
Er liest wohl in meinem Gesicht, und
ein bestimmtes Lächeln, sowie ein Ausdruck von
Verständnis macht mich mutig ihm zu folgen.
Schwerer fällt mir nun das
Weitergehen. Immer wieder unterbricht ein
Treppchen mit stark ausgetretenen Treppenstufen
den engen Weg. Sie sind ungleich kurz, überlang,
ausgetreten. Frage ich ihn, wie alt sie sein
könnten, so antwortet er mit einem Achselzucken
- und sein Vater und Großvater hätten es auch
nicht gewusst. Ich zähle zurück, - sie könnten
so etwa . . . ; . . . ich rutsche vom Pfad ab und
gleite in einem Geröll von Schieferstein, werde
aufgefangen von den hier wachsenden Gebinden.
Mir bleibt nichts anderes übrig,
als auf allen Vieren die paar Meter hoch zu
hangeln, um meinen Körper auf den Weg zu drehen
und vor Schreck dort ein wenig auszuruhen.
Damit muss man rechnen, so mein
Begleiter, selbst ihm würde das hin und wieder
passieren.
Ich schiebe diese Unachtsamkeit
jedoch auf meine vielen Gedanken und die mich
aufregenden Eindrücke. Ich nehme mir vor, nur
noch zu denken, wenn ich sicheren, festen Boden
unter den Füßen habe oder, wie jetzt, gut
sitze. Zu meinem Erstaunen und meiner Freude
setzt er sich zu mir, und unsere Beine hängen
fast gerade den Berg hinunter.
Er spricht lange nicht; und doch
verstehe ich ihn. Jemanden lieben zu sehen,
versunken in unerkaufte Gefühle und dies in
gewissem Maße nachzuvollziehen, macht demütig
und dankbar. Ich habe plötzlich das Gefühl
unser, - sein Ziel erreicht zu haben, -
zufällig, doch endgültig.
Die Sonne, die noch vor einer
Stunde, als wir am Fuße des Berges standen, die
Blätter in den Höhen goldgelb erscheinen ließ,
ist weitergezogen. Diese andere Stimmung belebt
nun meinen Winzer. Er beginnt, genauso ruhig zu
sprechen, wie sein Schritt war, als seine
Nagelschuhe ihn hinauftrugen.
Schauen Sie, spricht er,
diese Reihe, und damit zeigt er auf
eine Weinstockreihe, die links neben mir in
die Tiefe abfällt, ist die Grenze zu meinem
Weinberg. Mein Vater pflanzte, als ich 12 Jahre
war, diesen Weinberg an. Ich musste helfen. Ich
weiß es noch gut. Was wir brauchten, wurde
hochgetragen in Kiepen oder auf den Rücken
zusammengepackt. Es war zu meiner Jugend
selbstverständlich,dassdie Jungen, je nach
Alter, dem Vater, die Töchter der Mutter helfen
mussten. Sicher gingen wir auch oft lieber
spielen, so wie alle Kinder auf der Welt, doch
ich bin heute meinem Vater dankbar; denn die
Liebe zu der Natur, der herben, nackten Natur,
die Liebe zu unserem Calmont, wie dieser Berg
hier heißt, und dadurch zu unserem Wein wurde
mir früh in Blut gesetzt.
Sind diese Weinstöcke alle so
alt frage ich vorsichtig, um ihn nicht zu
unterbrechen.
Nein, viele mussten im Laufe
der Jahrzehnte ausgehauen und junge Pflanzen
eingegeben werden und bei jedem Weinstock, den
ich neu pflanzte, dachte ich an die Zeit mit
meinem Vater, der mit der damaligen Ruhe und
Gelassenheit diesen Weinberg zum Leben
brachte.
Eine kurze Pause, in der ich nicht
ein Wort zu sagen wage, und er erzählt mir von
den guten Weinjahren, wie aus diesem Weinberg die
Trauben in der Traubenkiepe bis runter an den
Erntewagen gebracht wurden. Das waren jedoch
nicht solche Erntewagen, wie sie heute üblich
sind, nein, es war ein Wagen, auf dem eine
Holzbütte stand, und der von einer Kuh, die fast
jeder Winzer in seinem Stall hatte, gezogen wurde
- oder später gar von seinem ersten Deutz.
Es sind herrliche Weine gewesen, die
er in seinem Keller ausbauen konnte. Es kommen
einige Jahrgänge ins Gespräch, wobei er auch
die Missernten nicht ausl. Dies nennt er nur
am Rande, als wenn er das Unschöne eigentlich
vergessen hätte und nur seine guten Weine
wichtig sind.
Wissen Sie, so fährt er
fort, der Wein bestimmte unser Leben. Wir
waren so arm,dasswir nur an besonderen Tagen
von dem - Guten - tranken, unser -
Haustrunk - musste uns gut genug
sein. Gottseidank ist das heute anders geworden
als zu meiner Zeit, doch besser und leichter
haben es unsere Kinder auch nicht, im Gegenteil.
Sie müssen schneller arbeiten,- es ist
hektischer geworden, man nennt es Streß.
Dabei fingert er an seinem Rucksack und hat
plötzlich eine alte grüne Weinflasche in der
Hand und einen Korkenzieher. Seine knochigen,
derben Hände ziehen den alten Korken vorsichtig
aus der Flasche. Dieses Geräusch und das
liebevolle Einschenken in ein kleines Glas passen
zu diesen groben, verschafften
Händen, und sie werden so etwas wie zärtlich.
Er hebt das Glas ins Licht, bewegt
es kreisend hin und her, prüft das Bukett des
Weines, trinkt, und nichts in Welt hätte mich
dazu gebracht, seinen Genuss zu stören. Er gibt
mir das Glas, und es wird mir sonderbar.
Kann ich diesen Wein würdigen?
Ein kurzes Riechen und ein ebenso
kurzer, eher verlegener Schluck.
Bei der Geste, das Glas
zurückzugeben, winkt er ab, - Mädchen,
trink! Wie selbstverständlich trinken wir
nacheinander aus einem Glas.
In weinschlürfender
Selbstvergessenheit kehrt wieder die Atmosphäre
des Berges ein und das Abendgeläut der Bremmer
Glocken krönt diese Stimmung.
Siehst Du, - er duzt
mich nun, und noch nie war ein so schnelles
"Du" , so angenehm, siehst Du auf
der Mosel die Fischreiher? Sie waren nicht immer
hier und sind für mich ein gutes Zeichen, dass
es der Natur hier besser geht. Ich versuche
angestrengt, die großen Vögel zu erkennen. Auch
Flusskrebse gebe es seit Jahren wieder. Die
Wildschweine und Rehe mit ihren Fährten weiß er
mir genau zu erklären und wie weit sie sich zu
den Menschen wagen, was nicht unbedingt gut für
die Weinberge sei, dochdasssie zu seinem Leben
gehören wie alles in der Natur. Irgendwann habe
er einen kleinen Fuchs großgezogen, der ihm und
seiner Familie viel Freude brachte, eines Tages
jedoch seine Freiheit suchte, was er ganz
natürlich fand.
So ruhig wie er sprach, so ruhig
packt er nun alles wieder ein, mit jung
gebliebenen Beinen steht er behende auf und hilft
auch mir auf die Beine.
Ich lasse mich treiben. Der Wein
wirkt und verleiht mir Mut, gegebenenfalls weiter
zu steigen. Doch es scheint, als gehe es zurück.
Vertrauensvoll tapse ich wieder hinter ihm her,
konzentrierter nun, denn es wird dunkler. Es ist
nicht der gleiche Weg. Den getretenen Pfad rechts
neben uns habe ich vorher nicht erkannt, und so
steigen wir über den Kopf in eine
andere Kaul. Er zeigt mir weit über
uns einen Weinberg, der zu seinem elterlichen
Besitz gehörte, den seine Schwester dann erbte
und zu dem er immer noch eine starke Bindung
habe.
Es geht weiter hinunter und ich
merke, wie das Bergab mir schwerer fällt als der
Aufstieg. Wohl durch die Wirkung des Weines komme
ich mir wie ein hopsendes Reh vor, das mit dem
lockeren Geröll sein Spiel treibt. Auch bei
meinem Winzer erkenne ich die Wirkung
des getrunkenen Weines, oder ist das die
Zufriedenheit, die ich urplötzlich in seinen
Augen erkenne?
Ja, die Augen, das wird mir erst
jetzt bewusstt, waren und sind das Besondere an
diesem Mann, der so viel älter ist als ich und
doch eine Jugend ausstrahlt, die ihn anziehend,
ja fast attraktiv macht.
Es ist kühler geworden und die
Weinstöcke enden rechts von uns vor einer
fastsenkrechten Kanzel, anders kann
ich diesen glänzenden Schieferfelsen nicht
beschreiben.
Im Frühjahr, erzählt er, hole er
den Felsensalat aus diesen Layen, wie
hier die Felsen heißen. Ich verstand
Feldsalat und wunderte mich. Nein,
Felsensalat, dem Löwenzahn ähnlich, sehr
vitaminreich und nur kurze Zeit genießbar. Er
wirkt Wunder im Blut. Gut, nur scheint es mir
unmöglich, dort etwas zu pflücken.
Ausgebildeten Bergsteigern würde ich es
zutrauen. Für ihn war es selbstverständlich.
Um an diesen Felsen vorbeizukommen,
müssen wir entweder bäuchlings zum Felsen oder
mit dem Rücken zu ihm uns vorsichtig
vorbeitasten. Dabei fassen meine Hände den Stein
an, und ich fühle eine unvermutete Wärme,
angenehm und überraschend.
Ich frage.
Das sei das Großartige an diesen
Steillagen und im besonderen am Bremmer Calmont -
die Sonne wärmt den Schiefer, dieser gibt die
Wärme nachts an die Weinstöcke ab. Wieder etwas
Neues, Natur total ! Um das an den Stöcken zu
erleben, wage ich mich vorsichtig in den
darunterliegenden Weinberg, halb sitzend betaste
ich die Schieferstücke und genieße den
wärmenden Moment.
Halbwegs das Gleichgewicht haltend,
sehe ich nun auch die mir vorher unvorstellbare
Arbeit am Weinstock, zu dem der Winzer bis zu
sechzehn Mal im Jahr geht. Viel bücken muss sich
keiner. Zum Berg gewandt ist die Schneide- und
Laubarbeit in fast gerader Haltung zu schaffen
und bei einer halben Drehung zur Mosel die
gleiche Arbeit am oberen Teil des Stockes der
unteren Reihe.
Mein Winzer ist schon weiter und es
ist gut so, denn er braucht nicht zu sehen, wie
ich hilflos, ungelenk und ziemlich deprimierend
aus dem Weinberg krabbele.
Er steht nach einer Kehrtwendung des
Pädchens vor einer Weinbergsmauer.
Diese, so erzählt er, habe er vor zig
Jahren angelegt. Ich versuche nicht, mir diese
Arbeit vorzustellen, frage nur, ob die anderen
Winzer dies gewürdigt hätten.
Weißt Du, Mädchen, wenn die
anderen hier nicht vorbei kommen, kann ich es
auch nicht! Meine Achtung vor diesem
Berufsstand wächst ständig, wobei ich diesen
Beruf des Winzers als Berufung sehe.
Berufung, eine Köstlichkeit
herzustellen, Berufung zur Natur, Berufung zum
Handwerker, zum Bergsteiger, berufen eine
bedrohte Kultur aufrechtzuerhalten, was ihm und
seinen Zeitgenossen gemeinsam selbst in der
ärmsten Zeit seines Lebens auch gelang.
Und er meint,dassdiese bedrohliche
Zeit wieder käme - in einer anderen Form und mit
anderen Konflikten. Er vertraute aber stark den
einzelnen Kämpfern, wie er sie nennt, die mit
den heutigen Gegebenheiten und Möglichkeiten den
immer noch edlen Wein aus den Moselsteillagen dem
Wein- und Kulturliebhaber näherbringen. Denn
vieles komme und gehe, und es sei auch oft gut
so, nur was Fundament besitze - er vergleicht
dies auch mit den Höhen und Tiefen einer guten
Ehe oder Freundschaft - habe Bestand und gebe
Kraft zu kämpfen.
Wieder etwas Nachdenkenswertes -
doch wie war das mit dem Denken und dem
Abrutschen... ? !
Einige Kurven und Biegungen stolpere
ich mehr als ich gehe, nun aber den Winzer hinter
mir, der ebenso gelassen und ruhig den Berg
hinabsteigt, wie er ihn bestiegen hat.
Die Mosel kommt näher, die Autos
höre ich schon und sie werden größer. Die Welt
hat uns wieder.
Ein anderer Winzer, der auch
heimfahren will, grüßt; und der
moselfränkische Dialekt, von dem ich nur
einzelne Worte verstehe, fliegt hin und her.
Den Satz : Kimmst mol vorbeii
mit dim Mädsche, ich hon noch en good Flasch
Ween im Kella ! habe ich natürlich
verstanden.
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